Leserbrief zur Ausgabe vom 13.1.1999 der Ärztezeitung

Da verstehe einer die Politik unserer Hausarzt-Funktionäre. In der gleichen Ausgabe, in der die "Ärzte-Zeitung" berichtet (13.1.1998), daß sich der bayerische BDA-Vorsitzende Hoppenthaller gegen die Neufassung der Arzneimittel-Richtlinien wendet, wird der Austritt von KV-Chef Bausch und Kammerpräsident Weisner aus dem BDA mitgeteilt. Handelt es sich um das zufällige Zusammentreffen zweier Zeitungsmeldungen oder darf hier ein Zusammenhang gesehen werden? Hoppenthaller argumentiert laut Ärztezeitung, "dem Hausarzt würden unverzichtbare und bewährte Medikamente zur Behandlung seiner multimorbiden Patienten entzogen". Bausch, der ja für die KBV die Arzneimittel-Richtlinien mit erarbeitet hat, will eine Verbandpolitik nicht mehr mittragen, die "falsch für die Gesamtärzteschaft" sei.

Mir scheinen die Positionen der Kontrahenten unvollständig dargestellt und in dieser Kürze unzureichend begründet. Was sie nicht wollen wird deutlich. Aber was wollen sie? Etwa den Hausarzt, der bevorzugt Salben und Tröpfchen verschreibt, der das Feld beackert, das ihm die diversen Spezialisten übrig lassen. Eine Karikatur von Barfußmediziner, der sich dann wegen seiner zuwendungsintensiveren Behandlung, seiner Präsenz zur Unzeit und der Versorgung von Hausbesuchspatienten auch noch als "Quasselmediziner" und "Treppenterrier" beschimpfen lassen muß. Oder den qualifizierten Allgemeinarzt, der eine Schlüsselrolle in der Versorgung der Patienten einnimmt (als primärer Ansprechpartner, Case-Manager oder sonst wie zu benennen) und für den die genannten Aufgaben integraler Bestandteil einer umfassenden Patientenbetreuung sind.

Die Amputation des Allgemeinarztes beginnt in der Köpfen der Funktionäre. Je höhere Funktionen sie bekleiden, desto weiter entfernen sie sich anscheinend von den Interessen ihrer Fachgruppe und vertreten ein ominöses Gesamtinteresse der Ärzteschaft oder plappern Thesen einiger pharmazeutischen Lobbyisten nach, denen es weniger um eine verbesserte Patientenversorgung, als um den möglichst uneingeschränkte Einflußnahme auf das Verordnungsverhalten der Ärzte geht.

Für den Kollegen Hoppenthaller muß es wohl der bedingungslose Rezeptwunsch sein, der den Patienten in die Hausarztpraxis bringt. Sonst ließen sich seine Behauptungen zur Verteuerung durch Substitution nicht erklären. Tatsächlich suchen die Patienten den Arzt, der ihre Beschwerden ernst nimmt, der zuhören kann, der gründlich untersucht. Nach dem Stand medizinischen Wissens wäre manches Rezept verzichtbar. Wie's geht, haben ärztliche Pharmakotherapie-Zirkel und Praxisnetze vorgemacht. Ich persönlich hätte auch keine Probleme mit einer Positivliste, die sich auf unverzichtbare Basismedikamente beschränkt. Diese würde den täglichen Spagat zwischen "Bewährtem" (so die Hersteller der Mittel) und "Fragwürdigem" (so der AOK-Report) eher erleichtern und die Budgetveranwortlichen (die meisten Verordnungen kommen von Hausärzten) entlasten, ohne daß ernsthaft um die Versorgungsqualität oder die Therapiefreiheit gefürchtet werden müßte.

Wer eine Stärkung der Gesamtärzteschaft in der ambulanten Versorgung will, darf Systemfehler nicht unkritisiert lassen: vor allem das Mißverhältnis zwischen hausärztlicher und fachärztlicher Versorgung, an dessen Reform ja bereits Herr Seehofer gescheitert ist. Wenn der BDA anmahnt, daß die Gliederung in hausärztliche und fachärztliche Versorgung endlich umgesetzt werden muß (dies ist ja der Hintergrund der Forderung nach einem Primärarztmodell), daß dazu der Hausarztes (einschließlich der Kinderärzte und hausärztlichen Internisten) mit angemessener Kompetenz ausgestattet und bezahlt werden muß, so ist dies wohl im Interesse der gesamten Ärzteschaft. Nur ein Stärkung des Hausarztes kann verhindern, daß noch mehr Mittel im unkoordinierten Nebeneinander der verschiedenen Arztgruppen und an der Schlüsselstelle ambulant-stationäre vergeudet werden, daß Patienten kostengünstig weiterverschoben oder Fälle per Ringüberweisung budgetkonform ausgereizt werden. Nur die Stärkung des Hausarztes (und eine verbesserte Kooperation im Rahmen von Praxisnetzen) kann unnötige Folgekosten einsparen und die so oft beschworene Qualität unserer Versorgung auch überprüfbar garantieren. Da die KBV nicht Willens oder nicht in der Lage zu sein scheint, Reformen in dieser Richtung herbeizuführen, muß endlich die reformwillige Basis der Ärzteschaft aufmucken. Ein aus meiner Sicht unsäglicher Ärzteprotest wie die Aktion der KVen im Dezember 1998 mit dem einzigen Ziel, mehr Geld für ein marodes System einzufordern, kann die innerärztlichen Differenzen nur scheinbar verdecken. Er verdient als angemessene Antwort eine Entsolidarisierungserklärung, denn vor den Karren dieses parteipolitisch geprägten und auf die Wahrung bestehender Besitzverhältnisse ausgerichteten Protestes sollten sich die Teile der Ärzteschaft, die auf echte Reformen hoffen, nicht spannen lassen. Und ohne strukturelle Reformen wird auch ein Teil der niedergelassenen Fachärzte in Zukunft immer weniger Existenzberechtigung haben.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. med. Stefan Bilger Facharzt für Allgemeinmedizin - Umweltmedizin


In der Ärztezeitung vom 5.2.1999 erschien nur der letzte Absatz.