Leserbrief zu „Der ‚Blaue Stern’ – oder die Renaissance des LSD?“

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

in der „täglichen praxis“ Heft 1, 2002, hatten Sie eine Anfrage zu einer Warnung vor LSD-haltigen Abziehbildern abgedruckt. Die Antwort von Herrn Prof. Pelz ist allerdings aus Sicht eines niedergelassenen Allgemeinarztes, der sich u. a. auch um Suchtprävention kümmert, wenig hilfreich. Hätte die Schriftleitung einen Praktiker der Suchtberatung oder auch die Kripo antworten lassen statt eines Klinikers, wäre die Antwort etwa folgendermaßen ausgefallen:

Derartige Warnungen vor LSD-haltigen Abziehbildern und der Gefährdung von Kindern zirkulieren seit Jahren in verschiedener Form in Deutschland und Österreich (häufig auch mit Hinweis auf pseudo-seriöse Quellen wie „schwarzes Brett der Notaufnahme des Krankenhauses XY“). Es handelt sich bei dem zitierten Beispiel um eine typische Falschmeldung, die allerdings geeignet ist, Eltern und Erziehungsverantwortliche (und wie man sieht, auch Ärzte) zu ängstigen und zu verunsichern. Wie verschiedene Organe der Kripo und Suchtexperten (siehe Anlagen) immer wieder erklärt haben, gibt es keinerlei Hinweise, dass LSD-haltige Abziehbilder an Kinder verteilt würden und dass  eine Gefährdung durch unbeabsichtigte Aufnahme, insbesondere über die Haut, bestünde. Bemerkenswerterweise hat der Volkskundler Rolf Wilhelm Brednich bereits 1990 in seinem Sammlung sagenhafter Geschichte „Die Spinne in der Yucca-Palme“ die LSD-Warnung als modernen Mythos dargestellt und als Quelle Meldungen vieler Tageszeitungen vom 19.12.1988 genannt. Erstaunlich ist doch, wie hartnäckig sich so etwas hält.

Derartige Panikmache ist unter suchtpräventiven Gesichtspunkten kontraproduktiv. Wie wir aus der eigenen Praxis und zahlreichen Untersuchungen wissen, ist die Verführungshypothese nicht geeignet, eine Suchtentwicklung zu erklären. Die Entwicklung von Substanzmissbrauch und -abhängigkeit ist ein multifaktorielles Geschehen, bei dem körperliche Faktoren (Metabolismus?), besonders aber auch Persönlichkeitsfaktoren (psychische Stabilität) und familiäre Prägung (Vorbildfunktion der Eltern) ein Rolle spielen. Als Einstiegsdrogen spielen in erster Linie die legalen Drogen Alkohol und Nikotin eine Rolle. Die suchtpräventiv wichtigsten Erziehungsziele bei Kindern sind: Erziehung von starken Persönlichkeiten (die auch einmal Nein sagen können), Förderung von Interesse und Kreativität, Akzeptieren von Grenzen und Ertragen von Frustrationen, Erkennen von Depressivität und sozialer Isolierung als Grund von Suchtentwicklung. Weiter besteht eine wichtiges Aufgabenfeld in der Integration von Ausländer-Kindern, die derzeit die größte Risikogruppe hinsichtlich Sucht darstellen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Stefan Bilger